Sex, Lügen und die Basler Zeitung

Für BaZ-Autor Dominik Feusi ist der Presserat ein Falsches Wahrheitsministerium. Gerade erst rügte die „Beschwerdeinstanz für medienethische Fragen“ sein Blatt. Die Basler Zeitung hätte die Unschuldsvermutung und die Wahrheitspflicht gemäss Journalistenkodex verletzt. Dieser Befund ist für die BaZ und Journalist Feusi absolut kein Grund zur Selbstkritik oder gar Reue. Im Gegenteil.

Man lässt sich doch das Schreiben nicht verbieten! Die Basler Zeitung scheint mir gelegentlich mehr mediales Scherbengericht als journalistisches Medium. Dennoch protestiert Feusi: „Journalisten sollten nicht Richter spielen, schon gar nicht über ihresgleichen.“ Dominik Feusi missachtet folglich seinen eigenen Rat und greift zum Richterhammer. Sein Urteil: Der Presserat „verurteilt einen Journalisten wegen Verstosses gegen die Wahrheitspflicht, obwohl er die Wahrheit geschrieben hat.“ Wirklich?

Die Staatsanwaltschaft nahm „von den konkreten Vorwürfen Kenntnis und leitete in der Folge eine Vorprüfung zur Klärung eines hinreichenden Tatverdachts ein“ (telebasel 14.12.2016). Nicht, weil es zu Sex gekommen war, wie Dominik Feusi behauptet

 

Bei der Wahrheit ist sich der vom Presserat gerügte BaZ-Autor, Joël Hoffmann, selbst nicht ganz sicher. Seinem ersten kritisierten Text gibt er den Titel „Sex mit Minderjährigen in Reinacher Asylheim“, obwohl noch völlig offen ist, ob eine Betreuerin tatsächlich mit EINEM (nicht mehreren) 17-jährigen Afghanen sexuell verkehrte. So relativiert Hoffmann immer wieder, indem er „wohl“ (eine Affäre) oder „möglicherweise“ (die Meldepflicht verletzt) in den Text setzt. Doch die semantische Schubumkehr verpufft im Überzeugungston des Resttextes. Hoffmann schreibt zwar für „alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.“ Aber schon im nächsten Satz ist der Zweifel verflogen, wenn er erläutert, wie die Affäre „ihren Lauf“ nahm.

Happig auch der Vorwurf der „Gemeinderat versuchte, eine mögliche Straftat zu verschweigen“. Wie eine mögliche Straftat, die es „wohl“ gar nicht gab, verschwiegen werden soll, weiss ich nicht. Hoffmann wahrscheinlich auch nicht. Deshalb verwendet er abwechselnd Bezeichnungen wie „Sex“, „Affäre“, auch kombiniert als „allfällige Sex-Affäre“, „mögliche Straftat“ oder „unzulässige Nähe“.

Wo BaZ-Autoren sonst sich stets verpflichtet fühlen, das Private zu schützen, wühlen sie hier tief im Intimsten und verletzen inbrünstig vorverurteilend die Bürgerrechte anderer. Vielleicht habe ich aber auch etwas missverstanden und das Private reduzieren diese Kreise auf den Schutz von Eigentum. Bürgerrecht meint dann zuerst das Recht auf Steuerhinterziehung, was sich in der strikten Verteidigung des Bankkundengeheimnis äussert.

Wer die Artikel von Joël Hoffmann genau liest, merkt, dass er hemmungslos skandalisiert. Wir werden weniger Zeugen einer Sex-, als viel mehr einer Medienaffäre. Dem aufmerksamen Publikum und dem Presserat ist klar: „Die spektakulären Schlagzeilen werden nicht durch Fakten gestützt. Ob es zu sexuellen Handlungen gekommen ist, bleibt offen. (…) Die Wahrheitspflicht ist verletzt, wenn die Basler Zeitung behauptet, es sei zu sexuellen Handlungen gekommen, ohne dies zu belegen.“

Um von Sex zu reden, genügen den BaZ-Autoren „eindeutige Bilder“ oder „Fotos, welche die Betreuerin und den Asylsuchenden eng umschlungen zeigen.“ Wahrscheinlich gilt ihnen eine Umarmung bereits als sexuelle Handlung. Anders kann ich mir deren Insistieren nicht erklären. Hierin spiegelt sich für meinen Geschmack eine aufklärungsresistente und geradezu viktorianisch-prüde anmutende Haltung. Oder aber die BaZ-Autoren versuchen wider besseren Wissens eine Institution und einen Gemeinderat an den Pranger zu stellen.

 

Die Schwarzen kommen

Vielleicht geht es aber auch um etwas ganz anderes. Die neurechte Publizistik orakelt zur Sommerpause schwülstig von der „Verlockung des Fremden“ (Compact) oder sieht bedrohlich viele „Afrikaner in der Schweiz“ (Weltwoche). Da reicht die „Liebe bis zum Messer“ (Compact). In der neuesten Ausgabe von Compact TV hebt Redakteur Martin Müller-Mertens hervor, wie viele junge Frauen im Sommer 2015 doch die jungen afrikanischen Männer begrüsst hätten. Jürgen Elsässer ergänzt genüsslich: „Dem Multikulti-Establishment geht bei der Vorstellung von Rassenvermischung einer ab und hinterher muss das Volk die Sauce aufwischen.“ Die sexualisierte Sprache gibt die Richtung vor. Weisse Männer sorgen sich um ihre Frauen. Vor allem aber um den eigenen Schniedel. Rügt der Presserat irgendwo auch die Sex-Fantasien des Joël Hoffmann?

Um das „Schrumpfen als deutsches Volk“ zu verhindern, müsse jede Mutter möglichst drei Kinder zur Welt bringen, fordert Frauke Petry von der AfD. Stattdessen fallen Neger über weisse Frauen her. Das hiess es schon in den Südstaaten der USA, als viele Männer in den Zweiten Weltkrieg ziehen mussten. Die mit dem Kriegseintritt erwachten Verlustängste wurden mit verschärften Ressentiments gegen die seit jeher verhassten Schwarzen kompensiert. Ähnliche Tendenzen erkenne ich heute. Die Salonvariante finde ich in der Basler Zeitung oder der Weltwoche. Das Compact-Magazin ist bereits fest im Griff von Verschwörungs-Narzissten. Zu offenem Frauenhass ist es da nicht mehr weit: „Einfach nur Schlampen !!!!!!!!!!! oder eine LAMPE mit SCH am Anfang“.

Fehlen nur noch mit Frauenhass und Verschwörung kombinierte Konstrukte wie das Flüchtlingsmarketing. Mit Verheissungen wie „weisse Sklavinnen warten auf muslimische Männer“ würden „afrikanisch-orientalische Jungmannen“ angelockt. Die interessieren sich „vor allem für Party und Frauenvolk“ (Junge Freiheit) und seien der Fortpflanzung naturgemäss nicht abgeneigt. „Unsere“ Frauen gäben sich denen in der „feminisierten Gesellschaft“ schliesslich gerne hin: „Es ist ein grosser Teil der Frauenpsyche, einen Schurken zu begehren, dass es in ihrer DNA verpackt ist.“ [sic] Nicht verwunderlich also, wenn Frauen Staaten zerstören. Europa wird muslimisch überzeugt.

„So übel wird gegen europäische und deutsche Frauen gehetzt“ – Blogs der Verschwörerszene haben die „Fotobeweise“

 

Zurück von Genderwahn-Wachen und pseudoaufklärerischen Porno-Mythen in die Teppichetage der Querfront und damit zu subtileren Methoden der Wahrheitssuggestion. Der Presserat rügt die BaZ, weil die Unschuldsvermutung nicht auch in den Titeln enthalten war, so die Auslegung von Dominik Feusi. Da wie dort basieren Verschwörungstheorien offenbar auf mangelndem Leseverständnis. Der Presserat schreibt nämlich: „Die Unschuldsvermutung wäre beispielsweise durch Titel in Frageform Rechnung getragen worden.“ Zwischen „Rechnung tragen“ und „enthalten“ besteht einer feiner aber wesentlicher Unterschied.

In der zielgerichteten Ausbeutung solcher Unterschiede offenbart sich die Propaganda. In der Unterscheidung zwischen massenhafter Flucht aus Kriegsgebieten und der durch Regierungskräfte gesteuerten Islamiesierung unserer Gesellschaft beispielsweise lässt sich eine gröbere Differenz zur Realität herstellen. Sie gründet aber auf derselben Unfähigkeit, ideologische Abschottung aufzubrechen und disperse Wirklichkeiten zuzulassen.

PS: Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen die Betreuerin eingestellt. Es hätte zwar eine Liebesbeziehung bestanden, die intime Beziehung mit dem Minderjährigen aber war legal. Auch den Gemeindebehörden von Reinach wirft die Staatsanwaltschaft kein strafrechtlich relevantes Verhalten vor. Das alles hält Joël Hoffmann von der BaZ aber nicht davon ab, weiterhin öffentlich den Richter zu spielen und von Unwahrheiten zu berichten – sekundiert von Redaktionskollege Dominik Feusi…

Nachtrag vom 19.9.: Anfang September gibt Urs Hintermann sein Amt per sofort ab. „Er hat seinen Ruf ruiniert“, schreibt Joël Hoffmann. Hintermann sieht sich dagegen als Opfer einer Medienkampagne: „Als schwerwiegendste Folge dieser Medienkampagne kann ich seit bald einem Jahr meine Führungsaufgabe als Gemeindepräsident nicht mehr seriös wahrnehmen. Fast meine gesamte Energie und Arbeitszeit sind durch diese Kampagne gebunden.“

Joël Hoffmann betreibt einen Twitter-Account. Sehr aktiv ist er nicht. Wenn er aber twittert, dann fast ausschliesslich über die Asyl-Affäre Reinach. Dominik Feusi klopft seinem Kumpel auf die Schulter: „Hartnäckige Arbeit von führt zum Ende des Versteckspiels und Rücktritt des Verantwortlichen“, schreibt er.

Die Verbissenheit, mit der die BaZ-Autoren das Thema bewirtschaften, wirkt befremdlich. Da wurde eine Mücke aufgepumpt, bis sie als fliegender Elefant platzt. Investigativ oder impertinent? Die Jungs an der Pumpe jedenfalls freut’s.

 

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